Die Atmosphäre einer Neapolitanischen Krippe und eines Weihnachtsliedes aus dem 18. Jahrhundert: wir finden sie auch in den Texten von Alfons de Liguori (1696-1787), dem Gründer der Redemptoristen, wieder. Zum Dreikönigsfest schrieb er einen märchenhaften Text, der als Grundlage zu einer Barockoper dienen könnte. Er schmuggelt, ganz zeitgemäß, Motive aus der antiken Mythologie hinein. Setzen wir uns über die kulturellen Grenzen hinweg und versuchen wir uns in die Lebenswelt des Neapolitanischen 18. Jahrhundert hinein zu versetzen. Und stellen wir uns vor, wie die Gläubigen buchstäblich vor der Krippe hinknieten und die Füße des Kindes küssten.
“Der arme Jesus wurde in einem Stall geboren. Er wurde sehr wohl durch die Engel im Himmel erkannt, aber die Menschen auf der Erde ließen ihm im Stich. Allenfalls einige Hirten kamen und erkannten ihn. Der Erlöser aber will bereits damit beginnen die Gnade seiner Erlösung an uns auszuteilen, und darum beginnt er sich an die Heiden, die ihn weniger kennen, zu offenbaren. Darum ordnete er an, mittels des Sterns an die heiligen Weisen zu erleuchten, damit sie kommen können, um ihren Retter zu erkennen und anzubeten. Dies war die erste und die höchste Gnade, die für uns erwirkt wurde, die Berufung zum Glauben – worauf dann die Berufung zur Gnade folgt, von der die Menschen beraubt waren.
Sieh die Weisen an, die sich sofort auf den Weg begeben. Der Stern begleitet sie bis an die Grotte, in der das heilige Kind liegt. Da angekommen, gehen sie hinein – und was finden sie? Sie finden eine arme junge Frau und ein armes Kind, mit armseligen Windeln und ohne Pflege. Aber sieh: Sobald die heiligen Wallfahrer die kleine Grotte betreten, fühlen sie eine Freude wie noch nie zuvor. Sie fühlen wie ihr Herz an dieses liebe Kindchen gekettet wird, das sie sehen: Dieses Stroh, diese Armut, dieses Weinen des kleinen Retters, oh, was für ein Liebesschmerz, oh, welche seligen Flammen werden da entzündet in ihren Herzen.
Das Kind zeigt ihnen ein fröhliches Gesicht und dies ist das Zeichen der Liebe, womit er die ersten Gaben annimmt. Dann schauen die heiligen Könige auf Maria, die nicht spricht. Sie steht da schweigsam, aber mit einem glückseligen Gesicht, aus dem die Süßigkeit des Paradieses atmet. So empfängt sie die Könige und sie bedankt sich für ihr Kommen und für die Tatsache, dass sie als erste ihrer Zeit ihren Sohn erkennen als ihren Fürsten. Sieh, wie auch sie sich in Stille vor ihm beugen, ihn anbeten und ihn als ihren Gott erkennen, während sie seine Füße küssen und ihm ihre Geschenke anbieten von Gold, Weihrauch und Myrre.
Lasst auch uns wie die heiligen Weisen unsern kleinen König Jesus anbeten und ihm unser ganzes Herz anbieten.”
A. M. de Liguori, Meditazioni per l’ottava dell’Epifania, Meditazione I. Dell’adorazione de’ Magi. (Übersetzung: A. Krahnen C.Ss.R.) Bild: www.josefshoehe.de.